Immer noch Film, aber anders

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mich aus der mit einem Kollegen gegründeten Filmproduktionsfirma Paperkite Pictures verabschiedet. Schweren Herzens – aber es war ein notwendiger Schritt, das habe ich in mir sehr deutlich gespürt. Ich dachte eine Zeit lang, meine innere „Film-Müdigkeit“ hätte etwas mit dem Filmemachen an sich zu tun. Aber durch den Wandel, den ich innerlich in den vergangenen Monaten vollziehe, offenbart sich mir etwas anderes.

Seit ich Filme mache, drehe ich am liebsten Portraitfilme über Menschen. Warum eigentlich? Weil ich es aus irgendeinem Grunde sehr erfüllend finde, mit diesem Medium die Schönheit eines jeden Menschen zum Ausdruck zu bringen. Mehr nicht. Es muss keinen übergeordneten Sinn haben. Dieser Mensch muss keine besondere Botschaft oder sonst irgendetwas für mich bereithalten. Seine Existenz allein ist Botschaft und Inspiration genug.

Ja, irgendwie empfinde ich mich als Übersetzerin. Es hat etwas gedauert, bis ich wirklich klar gesehen habe, dass ich etwas wahrnehme, was nicht für alle offensichtlich ist. Erst als ich Mitte 20 bin, realisiere ich, dass sich meine Wahrnehmung von Menschen unterscheidet von denen anderer.

Nun beginne ich zu erkennen, was meine Art des Filmemachens anders macht und weshalb ich es bisher gerne getan habe und mich auch die eigene Kamerarbeit, die ich bei meinem neuen Dokumentarfilm Vom Entschluss zu leben zum ersten Mal selbst mache, so erfüllt.

Seit ich Filme mache, sage ich immer schon, dass ich über jeden Menschen eine Doku drehen würde. Für mich gibt es nicht die langweiligen und die interessanten Menschen. Für mich gibt es nur interessante Menschen. Jeder ist als Individuum mit seiner ganz eigenen Geschichte gleichwertig interessant.

Als ich vor ein paar Jahren für die Portraitfilmreihe Tausend Gesichter als Regisseurin unterwegs war, waren unsere Protagonisten oft so erstaunt, dass ich sie einfach in ihrem Alltag begleiten wollte, ganz gleich ob dieser mit Wäsche waschen oder mit Marathon-Training verbunden war. „Aber ich mache doch nichts Besonderes“, haben sie oft gesagt.

Es ist nicht die Tätigkeit selbst, die etwas über einen Menschen aussagt. Es ist seine innere Haltung dazu. Für den einen ist Wäsche waschen eine genauso große Herausforderung wie für den anderen ein Marathon-Lauf. Und eine entsprechende innere Haltung kann in jeder Tätigkeit für andere Menschen inspirierend sein.

In meiner filmischen Arbeit offenbart mir jeder Mensch seine Schönheit, möge er noch so verbittert sein, noch so gehässig, noch so unliebenswert von außen betrachtet. Die Liebe zeigt sich in seiner Existenz. Und jetzt – wo ich mich so intensiv mit dem Leben auseinandersetze, jetzt wird dies alles noch viel klarer.

Jetzt wird mir auch klarer, warum ich keine Image- und Werbefilme mehr machen wollte und warum ich dieser ganzen klassischen Filmbranche noch nie etwas abgewinnen konnte.

Ich habe mich als Filmemacherin nie als besonders talentiert empfunden. Es sind sicher nicht meine technischen Begabungen oder besonders andersartigen Bilder, die meine Filme ausschmücken. Aber das müssen sie auch nicht. Ich komme in Frieden mit meiner Arbeit, weil ich die Stärke in etwas anderem spüre.

Es ist eben ein Übersetzen. Ein Übersetzen jener Schönheit, die ich in der Natur eines jeden Menschen sehe, egal, durch was diese Schönheit überlagert wird. Es gibt so viel Liebenswertes, auch an einer scheinbar unliebsamen Person – nimmt man sich die Zeit, ihn wirklich mal zu sehen und zu hören – ihn wahrzunehmen. Und manchmal ist das eben in einem Film einfacher als im echten Leben, weil dieses Medium verschiedene Möglichkeiten der Darstellung bietet.

Unter Filmemachern gibt es so ein paar etwas abfällige Sprüche wie „in Slowmotion sieht alles gut aus“ oder „mit Musik rettet man die Emotion“. Ich arbeite mit beiden dieser technischen Möglichkeiten sehr gerne – in rechter Weise eingesetzt heben sie nämlich einfach etwas hervor, was für den ein oder anderen sonst nicht wahrnehmbar ist. In meiner Arbeit an den Tausend Gesichtern habe ich es oftmals auch erlebt, dass die Portraitierten selbst hinterher erstaunt waren, was ich in ihnen beobachten konnte.

Es ist nun eine andere Art als früher, Filme zu machen. Der Prozess ist mit einer gewissen Stille und Unaufgeregtheit verbunden, die ich innerlich dabei verspüre. Wenn ich dem folge, was ich mit dem Herzen an den Menschen beobachte, muss ich niemanden mehr gerecht werden. Dann stellt sich das Werk in den Dienst anstatt die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und das ist ein wesentlicher Unterschied zu der Arbeit an Filmen, die von vorn herein den Anspruch erfüllen müssen, eine bestimmte Botschaft zu unterbreiten.

Wichtig dazu ist noch anzumerken:

All das, was ich an Fähigkeiten habe, ist mir von der Natur geschenkt worden und dessen bin ich mir sehr bewusst. Deshalb bin ich nicht stolz auf irgendetwas, sondern dankbar und demütig. Es wird eine erfüllende Arbeit, die Menschen in Dankbarkeit zu sehen, wenn ihnen etwas über sich oder etwas über das Leben durch meine Filme offenbar wird.

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